Tom Robbins G E S E L L S C H A F T






Aphrodisiaka und Müllschlucker

Post-Hippie-Kultautor Tom Robbins über Anarchie, Humor und kleine Mädchen

Einen wiedergeborenen Affen, der früher Juwelendieb an der Cote d‘Azur war, unter Mithilfe von Bananeneis am miesesten Wochenende ihres Lebens suchen zu müssen - das hätte sich Gwendolyn Mati nicht träumen lassen. Nach dem vernichtenden Kursabsturz an der Börse in Seattle hatte die extrem ehrgeizige, aber nicht gerade ehrliche Börsenmaklerin nur Haut und Porsche retten wollen. Aber dann kommt auch noch ihre dickste Freundin, eine 300 Pfund schwere Hellseherin, abhanden. Die Suche führt Gwendolyn in die Arme eines attraktiven Ex-Brokers mit Mastdarmkrebs. Der ist als Erleuchteter gerade aus der Wüste von Timbuktu zurückgekehrt und interessiert sich vorwiegend für das stete Schwinden der Froschpopulation von der Erde. Ein ständig angetrunkener japanischer Wunderarzt, ein indianischer Medizinmann namens „Breites Stück Straße“ und das Holzgebiß George Washingtons stecken in der Geschichte auch irgendwie mit drin. Und welche Rettung aus dem unendlichen Weltall, vom Hundsstern Sirius naht, weiß wohl nur Autor Tom Robbins. Mit seinem humorvollen Blick für das pralle Leben brennt er in „Halbschlaf im Froschpyjama“ (Rowohlt) ein verbales Feuerwerk ab, das begeistert und dennoch verwirrt - die Kapitel z. B. sind nach Mondphasen gegliedert. Seine Romane (u.a. „Ein Platz für Hotdogs“ von 1971 oder „Even Cowgirls get the Blues“ von 1976) bezeichnet der ehemalige Meteorologe, Journalist und Globetrotter als „Aphrodisiaka, Stimmungsbarometer, metaphysische Müllschlucker und intellektuelle Garagentüröffner“. Der Humor des amerikanischen Altmeisters des Untergrundromans (Robbins lebt nach eigenen Angaben seit „mehr als 1000 Jahren“ in einem kleinen Fischerdorf bei Seattle) weckt Erinnerungen an Douglas Adams´ „Hitchhikers guide through the galaxy“, literarische Anarchie, mit dem Riesenspaß am Chaos und der bunten Vielfalt des Lebens. Wo sich Adams aber ausschließlich die Absurdität auf die Fahnen geschrieben hat, scheint sich hinter den halluzinogenen Metaphern des Tom Robbins das Wissen um einen tieferen Sinn zu verbergen: die Liebe, die Ahnung des Unaussprechlichen, das, was die Welt im Innersten zusammenhält. SUBWAY traf Tom Robbins im Rahmen seiner ersten Lese-Tournee durch Deutschland.

SUBWAY: Ihr Schreiben wirkt wie eine Form von Anarchie.
„Ja, aber kontrollierte Anarchie! Man hat sehr viele Freiheiten beim Schreiben, aber man muß immer die Kontrolle behalten, sonst ruiniert man alles.“

Was wollen Sie den Menschen mitteilen? Haben Sie irgendwelche Botschaften?
„Oh, ich habe viele (grinst). Zum einen versuche ich, den Leuten zu zeigen, daß ihr Leben nicht so begrenzt ist, wie sie vielleicht denken. Und vor allem: „Love really works!“

Wollen Sie den Leuten sagen, daß sie anfangen sollen ihr Gehirn zu benutzen?
„Ja, außerdem sollten sie sich nicht so ernst nehmen. Werdet locker (lächelt)!“ <

B>Nehmen Sie sich und Ihr Schreiben ernst?
„Ich versuche, es nicht zu tun. An manchen Tagen mache ich das, und dann bin ich immer unglücklich.“

Ihr Buch besticht durch seinen Humor, es scheint aber einen ernsten Kern zu beinhalten?
„Ich glaube, daß es auf der ganzen Welt nichts Ernsthafteres als Witze gibt. Humor ist sowohl eine Form der Weisheit, als auch ein Mittel zum Überleben. Eine komische Situation ist oftmals die hoffnungsloseste aller Situationen. Humor gewährt so Zugang zur größtmöglichen Ernsthaftigkeit. Es gibt einige Dinge im Leben, die so ernst sind, daß der einzige Weg, mit ihnen fertigzuwerden, darin besteht, darüber Witze zu machen. Und das führt zu einem tieferen Verständnis der Sache. Fröhlichkeit ist deshalb der für mich tiefgründigste, weiseste und vernünftigste Weg, mit den Herausforderungen des Lebens fertigzuwerden.“

Wie gehen Sie beim Schreiben vor? Haben Sie eine bestimmte Arbeitsweise?
„Na ja, ich denke mir zuerst den Titel aus, dann schreibe ich den ersten Satz, der führt zum zweiten Satz, der wiederum führt zum dritten Satz... Irgendwo in meinem Unterbewußtsein habe ich eine ungefähre Vorstellung von dem Thema, mit dem ich mich beschäftige. Aber wie der Plot sich entwickelt oder dergleichen- ich habe keine Ahnung (lacht)! Wenn ich sie hätte, würde ich das Buch nicht schreiben, würde ich das Ende schon kennen, wenn ich mit dem Schreiben anfange, so könnte ich es nicht tun, weil es zu langweilig wäre. So wie die Arbeit in einer Fabrik! Ich schreibe zudem jeden Tag, so etwa zwei Seiten sind immer mein Ziel. Das macht Spaß, ist aber genauso harte Arbeit, weil man sehr viel Zeit in Einsamkeit verbringt. Deshalb muß ich das Schreiben mit einer Aura von Abenteuer und Überraschung umgeben, einfach damit ich es jeden Tag tun kann.“

Viele Ihrer Leser glaubten früher, daß Sie eine Frau seien. Warum?
„Oh, das war vor meiner Operation (lacht). In meinen ersten beiden Büchern habe ich aus der Sicht einer Frau geschrieben. Ich muß das ziemlich gut gemacht haben, weil viele Frauen annahmen, daß nur eine Frau so schreiben könnte. Bei diesen Büchern habe ich auch keine Interviews gegeben, es gab keine Fotos, niemand konnte wissen, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt.“

Sie setzen sich in ihren Büchern viel mit Düften auseinander. Reagieren nicht gerade Frauen viel sensibler auf Düfte als Männer?
„In jedem Mann steckt eine Frau und umgekehrt. Die Frau in mir ist ziemlich hochentwickelt. Als ich ein Kind war, sind wir oft umgezogen, und in jeder neuen Stadt wohnten wir neben einer Familie mit kleinen Mädchen. Und die haben mir alles erzählt. Alles, was ich weiß!“

Sie fürchten Frauen deshalb nicht.
„Nein. Diese Städte im Süden der USA waren „very macho“. Für einen Jungen ist es dort unmöglich, Sensibilität zu zeigen. Wenn du das gemacht hast, hast du gleich eins auf die Nase gekriegt (lacht). Aber bei den kleinen Mädchen konnte ich meine Empfindsamkeit, die jeder Mann hat, auch zeigen. Das war wirklich ein Geschenk.“

Text & Foto: Florian Peil